Der Spiegel


So, das also seh’n die Leute.
Steh ich so vorm Spiegel heute,
wollt’ schon weitergeh’n,
doch ich blieb steh’n.


Schau, spricht eine Stimme leise,
du siehst Gott auf deine Weise.
Das Ego ruft: Da steht ein Wicht.
Nein, spricht die Liebe, du bist Licht.


Hell und klar und schön und jung,
der Wahrheit eine Läuterung.
Es ist dein Auftrag: Geh hinaus,
schenk dem Leben deinen Applaus.


Tanz den Weg, der sich dir zeigt,
und wenn dein Bruder sich dir neigt,
voll Freude und mit Glanz im Blick,
ein Beben euch zutiefst erquickt.


Ihr schaut euch an und steht im Glück,
das euch ganz und gar verzückt.
Auf den ersten Blick ist es ein Nachbar,
auf den zweiten wie du ein Nachfahr,


der aus der gleichen Quelle stammt,
auch wenn er Zäune in den Boden rammt.
Hab Mut und offenbare dich,
zeig deine Angst, die fürchterlich


dich getrennt hat in all den Jahren,
wo du einsam warst beim Fahren
auf der Lebenskutsche Bock,
traurig, müde und verstockt.


Der Nachbar wird es spür’n im Herzen,
will’s nie mehr mit dir verscherzen.
Die Kraft der Liebe ihn durchdringt
und so um sein Urteil bringt.


Und wenn er weitermacht und rüpelt,
dir scheinbar deinen Tag verübelt,
dann tritt zurück um einen Schritt
und schick nach oben deine Bitt:


Gott, ich will nur dir vertrau’n
und ein Stück von mir anschau’n,
das sich zeigt in diesem Spiegel;
nur jener ist das wahre Siegel.


Der Arsch im Nachbarn ist mein Teil,
dem ich gewähr in mir Verweil.
So zeigt sich, was ich lernen soll
auf meinem Weg zum Ganz und Voll.


Will fortan nur das Gute denken,
der Schönheit meine Blicke schenken,
das Friedenstor im Herzen auftun,
im Lärm der Welt ganz in mir selbst ruh’n.


Will reifen in die Version hinein,
als die ich kam, als Licht, als Schein.
Das kann ich schau´n, dem Spiegel danken,
will wie eine Blume ranken.


Und wenn ich zweifle, leis und doch,
weiß ich: Das Ego ist des Arsches Loch.
Es schwingt seine Keule,
schlägt Beule um Beule.


Die Liebe ist das wahre Wunder,
sie ist allen Lebens Zunder.
Sie schwängert, nährt, und sie trägt aus
jede Form im Weltenhaus.


So bist du erschienen hier
als Gottes reine Ausgebier,
zu dehnen aus die ganze Pracht,
damit Gott von Herzen lacht.


Sei dir bewusst: Du bist nicht wenig,
deine Form ist die des Königs.
Schreite aufrecht, wahr und heilig,
und denk daran, du hast’s nie eilig.


Carsten Schubert
28.11.2025 in Bad Meinberg

 

© Carsten Schubert 2025